Der zweijährige Aufenthalt in Japan (siehe auch: beruflicher Weg ) hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Menschen, Kultur, Klima... für einen Mitteleropäer zeitweise sehr fremd. Dazu noch als Orgelbauer in Japan zu arbeiten und zu leben - ein gewöhnungsbedürftiges Unterfangen. Nachfolgend einige mehr oder weniger ernst zu nehmende Anektoten:

Folgende Texte sind im französischen Orgelmusik-Magazin "Préludes" erschienen.

Das Abenteuer “Arbeitsweg“ eines Orgelbauers in Japan

Ich beginne mit der Beschreibung des Arbeitsweges. Schliesslich verbringt man einen guten Teil seines Lebens auf dem Arbeits- oder Schulweg und die Erfahrungen dabei sind oft genauso interessant wie die in der Schule oder an der Arbeit selbst oder einfach anders.
Wenn ich am Morgen um halb sieben das Haus Richtung Bahnhof verlasse, sind die Strassen noch ziemlich leer denn die Japaner stehen spät auf. Der Zug nach Tokyo ist demzufolge auch noch nicht so stark besetzt, was jedoch nicht heisst, dass ich einen Sitzplatz finde. Er füllt sich dann auch zusehends, je mehr wir uns dem Zentrum nähern. Wehe dem, der sich während der Rush-hour zwischen 8 und 9 Uhr ins Zentrum wagt. Für japanische Kaisha-in (Angestellte) ist ein zweistündiger Arbeitsweg nicht unüblich und da wird so eine morgendliche Zugfahrt stehend für Ungeübte leicht zur Tortur. Ich bewundere diejenigen, die es schaffen im fahrenden, vollbesetzten Zug, eine Mappe und einen Schirm in der Hand haltend, im stehen eine Zeitung zu lesen und umzublättern ohne den Sitznachbar dabei zu stören. Zugfahrende Japaner haben eine spezielle Falttechnik für Zeitungen entwickelt die dies erlaubt, mit Origami jedoch nichts zu tun hat.
Für den gewöhnlichen Büroangestellten ohne viel Gepäck mag das noch gehen, doch wo soll ich mit meinem Werkzeugkoffer hin, den ich wegen seiner Grösse und seinem Gewicht schlecht unter den Arm klemmen, geschweige denn im Gepäcknetz verstauen kann. Schliesslich möchte ich ja auch meine Zeitung lesen wie die eine Hälfte der Passagiere oder ein Nickerchen machen wie die andere Hälfte (das Schlafen im Zug ist eine andere, sehr gut entwickelte Technik). Durch meine grosse Nase und die für japanischen Verhältnisse hellen Haare bin ich schon ziemlich auffallend. Der sperrige Werkzeugkoffer macht meine Integrationsversuche nun aber vollends zunichte.
Für Ausländer wie mich, die nie ausserhalb Europas gelebt haben, ist es eine interessante Erfahrung sich für einmal richtig als Ausländer zu fühlen. Nur schon durch das Äussere hebt man sich von den Einheimischen ab. Da können Kleider, Manieren oder auch Sprachkurse gar nichts daran ändern. Genau wie bei uns gibt es auch in Japan Leute, die einem die Andersartigkeit entweder instinktiv oder aber absichtlich in ihrem Verhalten spüren lassen. Und dann gibt es (zum Glück) auch Menschen die sich keinen Deut um Rasse und Nationalität kümmern und einem als Individuum behandeln, als den der man ist. In Japan gibt es noch ein anderes, ziemlich verbreitetes Verhalten. Sie behandeln einem als wäre man "Luft", als existiere man nicht. Das ist eine Art von Unfreundlichkeit, die ziemlich unangenehm ist, vor allem wenn es ein Nachbar ist.
Zurück zu meinem Arbeitsweg: Im Grossraum Tokyo, meinem hauptsächlichen Arbeitsgebiet, sind die öffentlichen Verkehrsmittel Bahn und Bus so gut ausgebaut, dass man unschwer fast überall hinkommt. Als Gaijin (Ausländer) mit etwas Übung schafft man es ohne Probleme, sich zu orientieren. Im Gegensatz dazu ist das Autofahren in Tokios Dauerstau sehr unangenehm.
Am Zielbahnhof angekommen muss ich jetzt die Kirche oder das Haus finden, das die zu stimmende Orgel beherbergt. Die Schwierigkeiten fangen an beim Entzifferungsversuch des Stadtplans, bei dem der Norden nicht wie gewohnt "oben" ist, sondern in irgendeine andere Richtung zeigt, wie es dem Planzeichner wohl ins Format passte. Nur sehr wichtige Strassen tragen Namen und so ist eine Hausadresse auch ganz anders zusammengesetzt. Ein Stadtteil ist z.B. in Quartiere unterteilt und diese Quartiere wiederum in kleinere Teile, die mit Schiffern gekennzeichnet sind. Das Haus selbst hat dann noch eine andere Nummer. So kommt es oft vor, dass ich nicht mehr weiss wo Oben und Unten ist und für solche Fälle bietet sich die Polizeistation als kompetentes und auskunftswilliges Informationsbüro an. Bei jedem Bahnhof gibt es ein Polizeibüro in nächster Nähe. Es hat jedoch keinen Sinn den Beamten nach der Kyokai (Kirche) zu fragen. Eine genaue Adresse ist da schon nützlicher. Als nächstes versuche ich es mit einem Taxi, von denen es Unmengen gibt. Die Fahrer tragen zwar blütenweisse Handschuhen doch sind leider ein hoffnungsloser Fall, was die Orientierung oder Ortskenntnisse betrifft; mehr als einmal hat sich einer verfahren und musste sich über Funk helfen lassen oder er fuhr mich zur falschen Kirche. Da bleibt nur das Zufussgehen. Zum Glück hat mein Werkzeugkoffer kleine, rückenschadenverhindernde Räder; womit er sich ohne grössere Probleme überallhin ziehen lässt.
Schlussendlich doch angekommen werde ich mit der typisch japanischen Gastfreundlichkeit empfangen, mit Dankesworten überhäuft und mit Kaffee und Kuchen verwöhnt, bevor ich auch nur den kleinen Finger gerührt habe.

Peter Meier, Tokorozawa 1998

Die Freuden und Leiden eines Orgelbauers in Japan

Am Kircheneingang ziehe ich die Schuhe aus und tausche sie gegen Surippa (Slipper, Pantoffeln) ein, wie das in jedem Haus der Brauch ist. Der Übergang von draussen zu drinnen ist klar abgegrenzt und auch ganz offensichtlich, da der Hausboden gegenüber dem Eingang um eine Stufe erhöht angelegt ist. Da stehen dann alle Schuhe in Reih und Glied und warten brav auf Ihren Träger, was eine Atmosphäre gibt, die man bei uns vom Kindergarten her kennt. Meist wird dieser ganz nette Brauch beibehalten. Vereinzelt trifft man sogar auf ganz alte Kirchen, wobei man 80-jährige Gebäude schon als sehr alt einstuft. Das sind einstöckige Holzhäuser mit papierbespannten Schiebefenster und -Türen und Tatami- (Reisstrohmatten) Fussboden. Unverhofft befinde ich mich in einem Gebäude, das dem Stil traditioneller japanischer Häuser oder Tempel ähnelt. Der Geruch von Räucherstäbchen und der Anblick des japanisch gepflegten Gartens vor der Kirche versetzt mich in eine andere Welt. Hier habe ich endlich das Gefühl in Fernen Osten zu sein, nach dem Durchqueren von Tokios modernem und unästhetischem Gebäudewirrwarr ein beruhigendes Erlebnis. Die Idylle wird auch nicht durch die wenigen Gegenstände gestört, die daran erinnern, dass ich mich in einer christlichen Kirche befinde. Natürlich wirkt die kleine Pfeifenorgel, die mitsamt barocken Profilen und Schnitzereien friedlich neben einem Ikebana-Blumenarrangement auf dem Tatami ruht auf den ersten Blick wie etwas ausserirdisches. Es ist jedoch nicht das erste mal, dass ich meine Gewohnheiten und Vorurteile in den Wind schlagen muss und so gewöhnt man sich hierzulande früher oder später an fast jeden Kulturmix.
Solche Kirchen sind sehr selten und so bin ich normalerweise in eher modernen, je nach Architekt mehr oder weniger gelungenen Gebäuden zu Besuch. Nun fängt also meine eigentliche Arbeit, die Orgelpflege endlich an. Oft hat die arme Orgel unter dem japanischen, subtropischen Klima zu leiden, das im Sommer sehr heiss und feucht und im Winter furchtbar trocken ist. Es kommt vor, dass ich die in der Regenzeit (Sommer) sich ausdehnenden Gehäusetüren kaum aufkriege. Dafür klappern dieselben Türen im überheizten Winterklima, wenn das trockene Holz sich zusammenzieht, so dass der Organist beim Spielen fast aus dem Takt kommt. Ein gewöhnliches Heizungssystem vermag in Japan eine mittelgrosse Kirche innerhalb einer halben Stunde 10° aufheizen mit fatalen Auswirkungen auf die Stimmung wegen der Temperaturdifferenz zwischen Orgelinnerem und -äusseren. Im tropisch-heissen Sommer bei 35°C liegt die Tonhöhe bei ca. a1 455 Hz, anstatt 440. Die Klaviatur vermag zwar die Schweisstropfen des Organisten noch verkraften, doch sind dagegen diese hohen Temperaturen für die Zungenregister fatal, da sie beim Stimmversuch in den nächsten Teilton springen. Das ist der Grund, warum im sommerlichen Japan so seltene Register wie die "Quinttrompete" oder "Septimenposaune" auftreten (streng geschützte Spezien!). Zur Erleichterung der Organisten findet die Klimaanlage immer häufiger Verwendung. Der Orgelstimmer ist jedoch nicht so begeistert von diesem Wunder der Technik, da es ähnliche Temperaturprobleme wie die Heizung verursacht.
Habe ich am Spieltisch das Instrument auf Herz und Nieren getestet geht's auf ins Orgelinnere bzw. die Leiter hoch zum Stimmboden und das mit jenen Pantoffeln an den Füssen. Da gerate ich schon in Verlegenheit und es bleibt mir nichts anderes übrig, als über alle Verhaltensregeln hinweg die Strassenschuhe wieder anzuziehen um beim Raufklettern das Risiko eines Absturzes zu vermindern. Auf den elastischen Tatami zu fallen, das wäre ja nur halb so schlimm, doch ist in den allermeisten Fällen der Kirchenboden mit härteren Materialien belegt. Japanische Kirchen und deren Orgeln sind im Allgemeinen eher klein und die Klettertour gar nicht nötig. Für mich als Orgelflicker bedeutet das wiederum, dass diese Instrumente oft sehr kompakt und schwer zugänglich sind. Daher limitieren sich die Risiken eines Arbeitsunfalls auf einen etwas verrenkten Rücken wegen einer schlecht erreichbaren Prospektpfeife oder auf einen aufgekratzten Arm nach dem Regulieren der Pedalmechanik zwischen den Koppeldrähten hindurch.
Nach getaner Arbeit mach ich mich mitsamt Werkzeugkoffer auf den Heimweg. Beim Verlassen der Kirche ziehe ich meine Schuhe wieder an, was bei mir immer dreimal länger dauert als bei den Japaner, die entweder Schuhe ohne Schnürsenkel tragen oder einfach rein- und wieder rausschlüpfen, ohne jedesmal neu auf- und zuzuschnüren. Aus irgendeinem Grunde habe ich mich bis jetzt nicht damit anfreunden können und so bin ich jedesmal ein Hindernis im Weg, bis ich wieder marschbereit bin. Ich mit meiner angeborenen Vergesslichkeit habe sicher wieder ein unentbehrliches Werkzeug in der Orgel vergessen und erinnere mich kurz nach dem Verlassen der Kirche daran. Wohl oder Übel muss ich umkehren und die Schuh-Prozedur noch mal durchlaufen. In solchen Situationen verhalten sich die Japaner glücklicherweise sehr elegant und überspielen die Peinlichkeit mit einem Witz.

Peter Meier, Tokorozawa 1999